Der Tümmler in mir

Die Arbeiten Lidija Karschs  bewegen sich zwischen Erinnerung, Körper und
Auflösung. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder in fließenden Räumen, in Wasserflächen, Stoffen, Schatten oder Farbschichten. Nichts scheint festgelegt. Die Bilder zeigen keine eindeutigen Geschichten, sondern innere Zustände – fragile Momente zwischen Nähe und Distanz, Sichtbarkeit und Rückzug.
Der Titel
Der Tümmler in mir beschreibt eine Bewegung unter der Oberfläche. Wie der Tümmler zwischen Tiefe und Auftauchen lebt, bewegen sich auch die Bilder durch Schichten von Erinnerung, Empfindung und innerer Wahrnehmung. Manche Zustände bleiben verborgen, andere brechen kurz an die Oberfläche, bevor sie wieder verschwimmen.
Die Arbeiten kreisen um Erfahrungen, die sich im Körper festsetzen: vergangene
Lebensphasen, emotionale Verletzungen, Formen von Verlust, Schutz und
Selbstbehauptung. Dabei geht es weniger um konkrete Erzählungen als um Spuren – um das, was nachwirkt. Räume, Körper und Wasser gehen ineinander über, als würden Erinnerungen ihre feste Form verlieren.
Die Figuren erscheinen oft verletzlich, entrückt oder beinahe durchsichtig. Sie scheinen zu treiben, sich aufzulösen oder neu zusammenzusetzen. Die Malerei folgt dabei keiner klaren Realität, sondern einer psychologischen Bewegung: dem Versuch, sich den eigenen inneren Bildern anzunähern, ohne sie vollständig festzuhalten. Die Bilder laden in ihrer Offenheit zum Eintauchen ein:
Wasser wird zu einem wiederkehrenden Ort der Spiegelung und Verformung. Unter Wasser verändern sich Geräusche, Zeit und Orientierung. Auch die Bilder bewegen sich in diesem Zustand zwischen Stille und Spannung, zwischen Abtauchen und Auftauchen.

Dabei ist eine Auseinandersetzung mit dem Ornament als bildstrukturierender Richtung und Form ebenso erkennbar wie vereinzelte Anklänge an Symbolismus und Jugendstil. (Dass es sich dabei um ein durchaus zwiespältiges Verhältnis handelt, zeigt etwa die direkte “Abarbeitung“ an einem Frauenporträt Alfons Muchas mit Aquarellfarben und Zeichenkohle).

Der eigenwillige und gestalterisch austarierte, expressive Stil der Künstlerin verströmt eine rätselhafte Melancholie,  wobei Doppelgänger in Selbstporträts oder clowneske Frauenfiguren auch einen subtilen Humor erkennen lassen.


Der Tümmler in mir ist eine Annäherung an das Unausgesprochene – an die stillen Räume zwischen Erinnerung und Gegenwart, Verletzlichkeit und Selbstwahrnehmung.